RAUM IIRichard Wagner ganz privat

Richard Wagner ganz privat Richard Wagner sorgte im kulturellen und musikalischen Leben seiner Zeit für Schlagzeilen. Als revolutionärer Aktivist suchte er das Exil, wurde aber sogar außerhalb seines eigenen Landes von der Polizei gesucht, bevor er schließlich als Meister von Bayreuth als einer der größten Künstler seiner Zeit gefeiert wurde. Richard Wagner war aber nicht nur Künstler, sondern v. a. auch ein Mensch aus Fleisch und Blut, der von verschiedenen Leidenschaften angetrieben wurde, dessen Temperament teils heftig und dessen Art teils launig und manchmal auch von zärtlicher Zuneigung geprägt war.

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MVRW-WAGNER-sort-de-loeuf-198x300DIE ELTERN RICHARD WAGNERS

von logo_cercle rw Pascal BOUTELDJA

ERSTER TEIL

Im Mai des Jahres 1855 widmet sich Richard Wagner folgendes kurzes Gedicht zu seinem eigenen Geburtstag:
„Im wunderschönen Monat Mai
kroch Richard Wagner aus dem Ei;
ihm wünschen, die zumeist ihn lieben,
er wäre besser drin geblieben.“

Es wäre leicht, diese sarkastischen Strophen als eine unbewusste Remineszenz an seine ersten Lebensjahre zu sehen, welche mehrere traumatische Ereignisse aufwiesen, von denen man – ohne sich näher mit Psychologie auszukennen – annehmen kann, dass sie das Unterbewusstsein des Kindes Richard Wagner geprägt haben.

Es wäre leicht, diese sarkastischen Strophen als eine unbewusste Remineszenz an seine ersten Lebensjahre zu sehen, welche mehrere traumatische Ereignisse aufwiesen, von denen man – ohne sich näher mit Psychologie auszukennen – annehmen kann, dass sie das Unterbewusstsein des Kindes Richard Wagner geprägt haben. Wie Nietzsche auch hätte Wagner seine Autobiografie mit folgenden Worten beginnen können: „Ich bin als Pflanze nahe dem Gottesacker […] geboren.“

MVRW Maison natale RWRichard Wagner kommt am 22. Mai 1813 als neuntes Kind von Friedrich Wagner, einem Polizeiaktuarius, und Johanna Rosine Wagner, geb. Petz, zur Welt.

Sein älterer Bruder Albert ist zu jenem Zeitpunkt bereits 14 Jahre alt. Friedrich Wagner stirbt nur sechs Monate nach der Geburt seines Sohnes Richard. Dieser wird anschließend von Ludwig Geyer, einem Freund Friedrichs, aufgezogen, welcher Johanna Rosine 1815 heiratet. Richard sieht daher Geyer als seinen Vater an, bis auch dieser im Jahr 1821 stirbt.

Die enge Beziehung, welche Geyer zur Familie Wagner unterhält, führt dazu, dass Biografen die Frage aufwerfen, die sich auch Siegfried stellt: „Wie sah mein Vater wohl aus?“ [1]

Ludwig oder Friedrich? Die genaue Herkunft Richard Wagners beschäftigt die Nachwelt in der Tat über einen sehr langen Zeitraum, zumal auch die Person seiner Mutter einige Rätsel aufgibt.

Denn selbst wenn man sich sicher ist, wer Richard Wagner auf die Welt gebracht hat, so schwebt doch über Name, Alter und Herkunft von Johanna Rosine etwas Mysteriöses, Geheimnisvolles, das sie vor ihren Kindern zu verheimlichen schien. Hätten jene Ungewissheiten nicht auf die Psyche Richard Wagners einen tiefgreifenden Einfluss gehabt, könnte man sie wohl als zu vernachlässigende biografische Details abtun.

images-10Dass diese für Wagner jedoch wichtig waren, zeigt u. a. die Tatsache, dass die Protagonisten seiner Opern häufig vaterlos sind.

Dass mehrere Wagnersche Helden Waisen sind oder dass der Tod des Vaters im Werk des Komponisten eine herausragende Rolle spielt, ist jedoch kein Zufall. Interpretiert man die frühe Kindheit Wagners mit Freud, ist es daher möglich, von einem psychopathologischen Syndrom zu sprechen, bei dem zur Abwesenheit des Vaters eine ambivalente Mutterbeziehung hinzukommt. Dies würde auch erklären, weshalb es in den Opern Richard Wagners teilweise zu einer Verwechslung von Mütterlichkeit und Erotik kommt.

Genug der psychologischen Deutungen. In der Vergangenheit wurden diese bereits zur Genüge von anderen Autoren vorgenommen… Beschäftigen wir uns vielmehr mit den Fakten und sehen wir uns an, wer Richard Wagners Eltern genau waren, und antworten wir so auf eine andere Frage von Siegfried, die da heißt: „Wer ist mir Vater und Mutter?“[2]

 

Der Vater: Friedrich Wagner

lp1bCarl Friedrich Wagner wurde im gleichen Jahr wie Beethoven, nämlich am 18. Juni 1770, in Leipzig geboren. Richards Großvater, Gottlob Friedrich Wagner (1736 – 1795), geboren in Müglenz, studierte an der Leipziger Universität Theologie, konnte das Studium jedoch nicht mit Erfolg ablegen, so dass er schließlich am Ranstädter Tor das Amt des Thorschreibers innehatte.

Im Jahr 1769 heiratete er Johanna Sophie Eichel, die Tochter eines Leipziger Grundschullehrers. Die beiden hatten insgesamt vier Kinder: eines, das schon als Kleinkind starb, sowie Adolf[3], Friedrich und Friederike.

170px-Thomasschule_Leipzig_vor_1885Friedrich, der Vater von Richard, besuchte ab Dezember 1780 die Sankt-Thomas-Schule und studierte neun Jahr später Jura an der Leipziger Universität. Ab 1794 arbeitete er am Gericht der Stadt Leipzig als Jurist und stellvertretender Aktuarius. Im Jahr 1810 konnte er dann – dank seiner Französischkenntnisse[4] und der Fürsprache des Marschalls Davout[5] seine Stelle als Aktuarius bei der Polizeidirektion antreten. In seiner Autobiografie schreibt Richard: „Über meinen für mich so früh verstorbenen Vater erfuhr ich später, daß er im allgemeinen sehr für Poesie und Literatur eingenommen, namentlich denn damals von den gebildeten Ständen sehr gepflegten Theater eine fast leidenschaftliche Teilnahme zuwendete [6].

“Seine Töchter benannte er daher nach Heldinnen von Goethe und Schiller und ließ ihnen eine sehr gute Erziehung zuteil werden. Er selbst trat mit einem gewissen Erfolg in einer Komödie von Goethe, den Mitschuldigen, auf. Das Theater war für ihn eine Leidenschaft, die auch in seiner Vorliebe für Schauspielerinnen zum Ausdruck kam. So frequentierte er eine berühmte Bühnenschauspielerin. Getroffen hat der die Dame dermaßen oft, dass sich seine Ehefrau darüber später noch ihren Kindern gegenüber mit einem Lachen beschwerte. Das Ehepaar führte ein regelrechtes Bohème-Leben. Hoffmann, der damalige Orchesterchef am Neuen Theater Leipzig, lernte Friedrich am 17. Juni 1813 kennen. Er beschrieb ihn als „exotischen Mann“[7]. Will man der Aussage einer Freundin der Töchter von Albert Wagner, dem älteren Bruder von Richard, glauben, war dieser klein und gekrümmt und hatte ein schönes Gesicht[8].

 

MVRW WAGNER PAETZ Johanna RosineDie Mutter: Johanna Rosine

Die Mutter von Richard Wagner wurde am 19. September 1774 etwa 30 km südwestlich von Leipzig in Weissenfels geboren.

Sie war das sechste (von den überlebenden Kindern das vierte) Kind des Bäckers und Müllers Johann-Gottlob Pätz und seiner ersten Frau Dorothea Erdmuthe, geb. Iglisch, der Tochter eines Gerbers. Als Johanna 14 Jahre alt war, starb ihre Mutter. Ihr Vater heiratete am 28. Oktober 1788 (und im Übrigen auch im Jahr 1795) noch einmal. Obwohl der Bäckermeister sie ganz offiziell als seine Tochter anerkannt hatte, machte Johanna um ihre Herkunft ein Rätsel. So erzählte sie ihren eigenen Kindern, dass ihr Mädchenname Perthes gewesen sei. Diese erfuhren wiederum, dass man den Namen Petz ausgesprochen habe. Richard selbst zögerte zwischen drei verschiedenen Schreibweisen: Pätz, Petz und Beetz[10].

Könnte der Grund hierfür gewesen sein, dass Johanna über die Standesunterschiede, die zwischen ihrer Familie und der ihres Ehemannes bestanden, hinwegtäuschen wollte? Sie gab an, nicht bei ihren Eltern, sondern in einem der besten Internate Leipzigs aufgewachsen zu sein. Diese für eine Handwerkertochter ungewöhnliche Art der Erziehung wäre sicher ohne die Fürsorge einer ranghohen Persönlichkeit, „eines großen Freundes ihres Vaters, eines Weimarer Prinzen, der die Familie sehr unterstützte“, wie Wagner in Mein Leben schrieb [11], nicht möglich gewesen.

Der Tod jenes Freundes habe dazu geführt, dass die Ausbildung von Johanna abgebrochen werden musste. Manche Biografen[12], insbesondere Houston-Stewart Chamberlain (der Ehemann von Eva, der zweiten Tochter von Richard), haben daraus den Schluss gezogen, Johanna Rosine könnte die leibliche Tochter des Prinzen Ferdinand Constantin von Sachsen-Weimar-Eisenach (1758 – 1793), des einzigen Bruders des regierenden Großherzogs und  Förderers von Goethe, Karl August (1757 – 1828) von Sachsen-Weimar-Eisenach, sein. Um eine Vaterschaft des Prinzen Constantin möglicher erscheinen zu lassen, zögerte Chamberlain nicht damit, Johannas Geburtsjahr mit 1778 anzugeben, und zu behaupten, der Stammbaum des Meisters von Bayreuth sei bis zum Beginn des Mittelalters zurückzuverfolgen. Seither konnte – teils aufgrund der Arbeiten von Otto Strobel, dem Bayreuther Archivar und Konservator des Richard-Wagner-Museums der 1930er-Jahre, zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass es sich bei dem Prinzen um Johannas Vater handeln kann. Ferdinand Constantin war bei der Geburt von Johanna nämlich erst 15 Jahre alt und hatte Weimar zur damaligen Zeit nie verlassen… Wie aber war es gekommen, dass man den Prinzen Constantin als möglichen Vater von Johanna ins Spiel brachte?

gregordellin_martin_gross_lpb1981 schrieb Martin Gregor-Dellin, welcher ein großes Talent zum Romancier hatte, in seiner Biografie: „Vielleicht hat die neunzehnjährige Johanna den Dichtern im Gasthof die Morgen-semmeln gebracht. Schon für die Jahre davor, etwa ab 1780 ist Schillers und des Dresdners Körner Aufenthalt in Weißenfels anzunehmen und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der des durchreisenden Goethe.

So ist nicht auszuschließen, daß einer von ihnen und durch ihn der Weimarer Prinz Constantin, der für das Theaterwesen seines Landes zuständig war, am Weißenfelser Liebhaber-Theater auf das schauspielerische Talent der anmutigen und schönen Johanna Rosine aufmerksam wurde. 1789 war ihre Mutter im 47. Lebensjahr gestorben.

Wenn Prinz Constantin die kleine Johanna in theaterliebenden Leipzig hätte erziehen lassen, so wäre auch erklärt, warum bei seinem Tode 1793 diese Ausbildung abgebrochen wurde.[13]“ Eine fast schon verstörende Erklärung, da Johanna Rosine keine weitergehende Erziehung zu gehabt haben schien. Die Schule verließ sie nämlich bereits im Jahr 1789. Die Aussagen ihres Sohnes lassen außerdem auf eine mangelnde Schulbildung schließen. So soll ihr Deutsch geradezu erschreckend gewesen sein… Was aber, wenn Johanna weder Tochter noch Schützling des Prinzen von Weimar, sondern einfach seine Geliebte war?

Gregor-Dellin beweist diese These in einem 1985 – also nach seiner Biografie – erschienenen Artikel auf hervorragende Art und Weise, indem er sich auf zahlreiche Dokumente aus dem Archiv des Schatzmeisters des Großherzogs stützt: Neue Wagner-Ermittlungen (Das Geheimnis der Mutter) [14].

Jener Schatzmeister führte nämlich ganz genau Buch über die Pensionen, die an Favoritinnen und Geliebte aus dem Kleinbürgertum sowie deren uneheliche Kinder ausbezahlt wurden. Dabei kam zutage, dass sich der Prinz als Generalmajor des sächsischen Kurfürsten im Jahre 1790 zweimal ziemlich lange in Weissenfels aufhielt, zwischen Juni und September nicht unweit der Bäckerei Pätz. Die Beziehung zwischen dem Prinzen und der Bäckerstochter begann zu jenem Zeitpunkt.

MVRW-Grossherzogtum_Sachsen-Weimar-Eisenach-232x300-1Laut Gregor-Dellin habe Constantin Johanna Rosina mit deren Zustimmung in Leipzig untergebracht und dabei ihren Familiennamen leicht verändert. Sie sei dort nicht in einem Internat untergekommen [15], sondern bei einer gewissen Sophie Friederike Hesse. Constantin habe Johanna Rosina u. a. Geld für Kleidung zukommen lassen und habe wahrscheinlich deshalb für ihren Unterricht gesorgt, damit er eine Mätresse hatte, die über einen gewissen Grad an Bildung verfügte. [16] Nachdem der Prinz in den Krieg gezogen und dort ums Leben gekommen war, überließ man die junge Johanna ihrem Schicksal. (…)

So heiratete Johanna am 2. Juni 1798 Friedrich Wagner. Die Aufeinanderfolge dieser Ereignisse erklärt, warum Johanna in Bezug auf ihren Namen, ihr Alter und ihre Herkunft immer ein Rätsel aufgab. In seiner Autobiografie erwähnt Richard Wagner seine Großeltern mütterlicherseits überhaupt nicht. Fast scheint es, als habe Johanna Rosine mit ihrer Familie in Weissenfels komplett gebrochen. So bot sie ihren eigenen Kindern nie die Gelegenheit, ihre Geburtsstadt, in der sie lediglich Bäckerstochter und Mätresse war, zu besuchen…

Die ersten Monate im Leben von Richard waren vom Tod geprägt. So starb sein Vater im Alter von nur 43 Jahren an Typhus. Ausgebrochen war die Typhusepidemie nach der blutigen Schlacht, die vom 16. bis zum 19. Oktober 1798 in Leipzig stattfand. Da die Krankenhäuser der Stadt nicht alle Verwundeten aufnehmen konnten, drängten diese auch in Kirchen und Schulen. Viele Leichen konnten nicht beerdigt werden und in der Elster schwammen jede Menge Kadaver von Pferden und Menschen. Durch die schlechten hygienischen Zustände, Mangelernährung und das enge Zusammenleben kam es schließlich zu einer Typhusepidemie, welche am 4. November bereits 20 000 Menschen das Leben gekostet hatte. Hoffmann, der während der Epidemie in Dresden war, notierte in seinem Tagebuch verschiedene Symptome (Kopfschmerzen, Schwindel, Erstarrung und nach wenigen Stunden Tod)[18]. Friedrich Wagner, welcher durch die ihm aufgrund des Kriegschaos auferlegten Überstunden sehr müde war, erkrankte ebenfalls und starb am 23. November 1813. Seinem damals nur sechs Monate alten jüngsten Sohn hinterließ er noch nicht einmal ein Bild von sich. Dieser lernt ihn daher nur durch Erzählungen innerhalb der Familie kennen. Johanna wiederum gab in der Leipziger Zeitung eine Todesanzeige auf, in der es hieß, dass ihr Mann aufgrund der Ausübung seiner Pflicht für sie und ihre achte Kinder zu früh verstorben sei [19].

Nach dem Tod des Familienvaters drohte die Familie zu zerbrechen. Johanna Rosine war damals 39 Jahre alt. Sie stand mit ihren Kindern fast völlig allein da. Zur Versorgung ihrer Familie bekam sie lediglich eine kümmerliche Pension, mit der sie drei Söhne und vier Töchter großziehen sollte (1813 war Ottilie zwei, Klara sechs, Luise acht, Julius neun, Rosalie zehn und Albert 14 Jahre alt). Weitere Kinder des Paars waren bereits verstorben: Gustav, geb. im Jahr 1801, im Alter von nur sieben Monaten sowie Theresia, welche am 19./9. Januar 1814 in ihrem vierten Lebensjahr einer Epidemie erlag. Zählen konnte Johanna nur auf die Unterstützung ihrer Schwägerin Friedricke und die ihres Schwagers Adolf, welcher sich völlig von der Welt zurückgezogen hatte. Zur Hilfe kam der Witwe schließlich Ludwig Geyer, der Freund ihres verstorbenen Ehemannes. Zunächst unterstützte er die Familie nur finanziell. Der in Deutschland wiedereingekehrte Friede sowie seine Stelle am Dresdner Hoftheater erlaubten es Geyer dann, Johanna und ihre Kinder bei sich aufzunehmen und sie nach einer recht kurzen Verlobungszeit am 28. August 1814 in Pötewitz bei Weissenfels zu heiraten. Der damals 14 Monate alte Richard hatte so wieder einen Vater und ein Zuhause in Dresden, in dem er sich sicher fühlen konnte. Am 26. Februar 1815 schließlich wurde Cäcilie, die leibliche Tochter von Geyer und Johanna geboren.

 

Ludwig GEYERDer Stiefvater: Ludwig Geyer

Als Friedrich Wagner starb, war Richard erst sechs Monate alt, so dass er keine Erinnerung an seinen Vater hatte. Es überrascht daher nicht, dass er Ludwig Geyer so liebte, als ob er sein leiblicher Vater gewesen sei. Richard nannte ihn im Übrigen „unseren Vater Geyer“ [20] und war immer voller Respekt und Zuneigung, wenn er über Geyer redete. (…) Die Beschreibung Geyers in Mein Leben ist ebenfalls sehr positiv: „Von seiner großen Neigung für das Theater zeugte außerdem die Wahl eines innig vertrauten Hausfreundes, des Schauspielers Ludwig Geyer. Hatte ihn bei der Wahl dieses Freundes gewiß hauptsächlich seine Theaterliebe geleitet, so führte er in ihm seiner Familie zugleich den edelsten Wohltäter zu, indem dieser bescheidene Künstler durch innigen Anteil an dem Lose der zahlreichen Nachkommenschaft seines unerwartet schnell verscheidenden Freundes Wagner bewogen, den Rest seines Lebens auf das angestrengteste der Erhaltung und Erziehung dieser Familie widmete. (…) Wie tief das Bedürfnis des heimatlosen, vom Leben hart geprüften und umhergeworfenen Künstlers war, in einemsympathischen Familienverhältnisse sich heimisch zu wissen, bezugte er dadurch, daß er ein Jahr nach dem Tode seines Freundes dessen Witwe ehelichte, und fortan der sorgsamste Vater der hinterlassenen sieben Kinder ward. (…) Dieser ausgezeichnete Mann (…) übernahm nun mit größter Sorgfalt und Liebe auch meine Erziehung. Er wünschte mich gänzlich als eigenen Sohn zu adoptieren, und legte mir daher, als ich in die erste Schule aufgenommen ward, seinen Namen bei, so daß bis in mein vierzehntes Jahr under den Namen Richard Geyer bekannt geblieben bin.“ [22]

images-11Ludwig Heinrich Christian Geyer wurde am 21. Januar 1780 in der Lutherstadt Eisleben geboren, wo sein Vater beim Oberaufseheramt als Aktuar tätig war. In Leipzig studierte er zunächst Rechtswissenschaften, musste sein Studium nach dem Tod seines Vaters jedoch abbrechen. Eine Zeitlang besuchte er ferner die Akademie der schönen Künste in Dresden. Mehrere Jahre lang zog er außerdem als Porträtmaler durch kleinere Provinz- und Kurstädte. Obwohl er keine wirklich gute Ausbildung genossen hatte, besaß er doch ein gewisses Talent. Carl Friedrich Wagner lernte Geyer vermutlich im Jahr 1800 bei seiner Rückkehr nach Leipzig kennen. Der fast zehn Jahre ältere Wagner empfahl seinen Freunden den jungen Porträtmaler.[23]

Zwischen den beiden Männern entstand im Laufe der Zeit schließlich eine enge Freundschaft. Geyer wurde fast schon zu einem Teil der Familie. Man spielte zusammen Theater und Friedrich Wagner verstand sehr schnell, dass das Talent von Geyer das Seine bei Weitem übertraf. Nach ein paar Engagements in diversen deutschen Kleinstädten schloss sich Geyer im Jahr 1805 der Truppe am Magdeburger Theater an. Ende 1805 wiederum verließ er Magdeburg und zog nach Stettin, wo er bis zur Auflösung der Truppe im Herbst 1806 blieb. Danach hielt er sich bis August 1809 in Breslau auf, um dann nach Leipzig zurückzukehren. Im Oktober 1809 wurde Geyer von der Truppe Joseph Secondas engagiert. Diese spielte im Sommer und während der Jahrmärkte in Leipzig und im Winter in Dresden.

Da die Gruppe von Seconda in das Dresdner Hoftheater integriert worden war, stieg er 1814 zum königlich-sächsischen Hofschauspieler auf. Charakterrollen lagen dem ehrlichen, fröhlichen und recht bürgerlichen Schauspieler ganz besonders.

Seine Kritiken waren hervorragend. Mit seinen vielen verschiedenen Begabungen schrieb Geyer aber auch mehrere Theaterstücke und arbeitete als Autor. Wagner wird sich später an den Kindermord in Bethlehem erinnern, welchen Goethe sehr lobte[24]. Alle diese Rollen und Stücke erlaubten es Geyer jedoch nicht, ein gutes Auskommen zu haben. Sein hervorragender Ruf als Porträtmaler dagegen schon. So wurde er in Dresden damit beauftragt, die Königin von Sachsen zu porträtieren, und im Jahr 1819 malte er mehrere Mitglieder der bayerischen Aristokratie während einer Tournee in München. Geyer war es auch, der Johanna Rosine 1813 malte und sich 1806 auch zweimal selbst porträtierte. Gerne hätte er gewollt, dass auch sein Adoptivsohn Maler geworden wäre, der Junge zeigte in dem Bereich jedoch so überhaupt kein Talent.

So führte ihn Geyer in die Welt des Theaters ein: „Meine frühesten Jugenderrinnerungen haften an diesem Stiefvater, und gleiten von ihm auf das Theater über (…) Große Gewalt übte nun auf meine Phantasie die Bekanntschaft mit dem Theater, in welches ich nicht nur als kindischer Zuschauer in der heimlichen Theaterloge mit ihrem Eingang über die Bühne, nicht nur durch den Besuch der Garderobe mit ihren phantastichen Kostümen und charakteristischen Verstellungsapparaten, sondern auch durch eigenes Mitspielen eingeführt wurde.“ [25] Diese Veranlagung verstärkte sein Stiefvater noch, als er Richard am Vorabend seines Todes am Piano hörte: „Sollte er etwa Talent zur Musik haben?“ [26] Am 29. September 1821 raffte die Tuberkulose den Mann dahin, der Richard seine ganze Kindheit lang begleitet und geleitet hatte. Wagner schrieb: „Des andern Tages ward ich an das Bett meines Vaters geführt; die äußerste Schwäche, mit der er zu mir sprach, alle Vorkehrungen einer letzten verzweifelten Behandlung seiner akuten Brustwassersucht erfüllten mich mir so mächtig, daß ich nicht weinen konnte.“ [27]

(Zweiter Teil: zu folgen)

logo_cercle rw   PB in WAGNERIANA ACTA  2010 @ CRW Lyon

 

Anmerkungen :
[1] « Wie sah mein Vater wohl aus ? » (Siegfried, II. Aufzug, Szene 2)
[2] « Wer ist mir Vater und Mutter ?» (Siegfried, I. Aufzug, Szene 1)
[3] Der Onkel, über den Richard in seiner Autobiografie mit so viel Herzenswärme spricht und den er sehr bewundert. Adolf war ein renommierter und allseits respektierter Akademiker, Theologe, Philologe und Literat. Seine Ausbildung hatte er v. a. in Jena und Dresden genossen. In Hinblick auf die Allgemeinbildung sowie die literarische Bildung des jungen Richard spielte jener Onkel eine große Rolle.
[4] Wie Friedrich Französisch gelernt hat, ist noch nicht geklärt.
[5] Ernest Newman, The Life of Richard Wagner. 1.1813-1848. London, Cambridge University Press,1976.
[6] Richard Wagner, Mein Leben. Paris, Buchet/Chastel, 1978, p. 13.
[7] Herbert Barth, Wagner. Une étude documentaire. Paris, Gallimard, 1976, p. 147.
[8] Mary Burrell, Richard Wagner. His Life and Works from 1813 to 1834. Thalwil (Suisse), Editions TIMO Verlag, s.d., p. xv.
[9] Manche Quellen geben fälschlicherweise das Jahr 1778 an.
[10] Andere Schreibweisen sind vorhanden.
[11] Richard Wagner, Mein Leben, p. 19
[12] Voir :« The prince Constantin question », in : Ernest Newman, The Life of Richard Wagner. II. 1848-1860,
pp.613-619.
[13] Martin Gregor-Dellin, Richard Wagner. Paris, Fayard, 1981, p.40.
[14] Martin Gregor-Dellin, Ergebnisse der neuesten Recherchen über Wagner. Bayreuther Festspiele Programm
[15] Richard Wagners Mutter erwähnte ihren Kindern gegenüber nie, in welcher Leipziger „Institution“ sie angeblich aufgezogen wurde.
[16] Martin Gregor-Dellin, Résultats de recherches récentes sur Wagner, p.87.
[17] Ibid, p.87
[18] Joachim Köhler, Richard Wagner. The Last of the Titans. London, Yale University Press, 2004, p.9.
[19] Mary Burell Richard Wagner. His Life and Works from 1813 to 1834, p. 16.
[20] Richard Wagner, Ma Vie, p. 13-14.
[21] Lettre du 29 septembre 1858, in : Richard Wagner à Mathilde Wesendonk. Paris, Parution, 1986, p.90.
[22] Richard Wagner, Ma Vie, p. 14.
[23] Ernest Newman, The Life of Richard Wagner. 1.1813-1848, p. 16.
[24] Richard Wagner, Ma Vie, p. 14.
[25] Ibid, p.14-15.
[26] Ibid, p.15.
[27] Ibid, p.15.

 

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