RAUM VDie am Mythos Beteiligten

Diese Abteilung präsentiert eine ganze Reihe biografischer Porträts derjenigen Personen, die auf die eine oder andere Weise zur Entstehung des Werks Richard Wagners beigetragen haben. Es geht hier um manchmal überraschende und unerwartete Freundschaften und Feindschaften, leidenschaftliche Liebesgeschichten mit den Frauen seines Lebens, bisweilen Musen und Frauen, die ihn zu seinem Werk inspiriert haben, aber auch um Porträts von Künstlern (Sängern, Regisseuren, Dirigenten…), die das Werk des Komponisten zu unserer Zeit zu ihrem eigenen machen und es auf der Bühne ganz anders zu neuem Leben erwecken.

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LUDWIG II. von BAYERN

(* 25. August 1845 in Schloss Nymphenburg, München ;
† 13. Juni 1886 in Starnberger See, bei Schloss Berg)
König von Bayern (vom 10. März 1864 bis zu seinem Tod)

Wenn es im Leben Richard Wagners einen Mäzen gab, dann war dies Ludwig II. von Bayern, der Märchenkönig, wie ihn sein ihm treuergebenes Volk voller Zuneigung nannte, und der leider seine romantischen und künstlerischen Träume oft mit dem Regieren eines Reiches verwechselte, dessen Herrscher er sehr jung geworden war.

Die Beziehung zwischen dem jungen, temperamentvollen Monarchen und dem Komponisten war mal von nicht zu übertreffender (platonischer) Leidenschaft und mal von tiefster Feindschaft geprägt und also nicht gerade einfach.

Wenn man auch bisweilen meint, in den Einzelheiten dieser Freundschaft zwischen König und Künstler verloren zu gehen, darf man nicht vergessen, dass das Werk Richard Wagners ohne die Existenz und die unbeirrbare Unterstützung Ludwig II. nie das geworden wäre, was es ist.

 

Ein Märchenkönig
wie aus einer Wagnerschen Fantasie

Das Licht der Welt erblickt der zukünftige König Ludwig II. von Bayern als Sohn Maximilian II. von Bayern und der Prinzessin von Preußen, Maria von Hohenzollern, an einem schönen Sommertag, genauer dem 25. August 1845, im Münchner Schloss Nymphenburg.

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Das tief katholische Bayern wurde zu jenem Zeitpunkt von zahlreichen Skandalen erschüttert. Als der junge Prinz noch nicht einmal ein Jahr alt ist, verliert sein Großvater, Ludwig I. von Bayern, sein Herz an die Schauspielerin Lola Montès, was seinem konservativen Volk zutiefst missfällt. Anstatt auf seine leidenschaftliche Beziehung zu Lola zu verzichten, der es im Übrigen ziemlich sicher von einem Thron geträumt hat, dankt Ludwig I. ab. Man kann daher zu Recht behaupten, dass Ludwig II. in die Fußstapfen seines Großvaters tritt, als er sich dazu entschließt, seine überaus große (platonische) Begeisterung für Richard Wagner öffentlich zu zeigen! Als Wagner sich in den Augen des Volkes ein bisschen zu sehr in die politischen Geschäfte des Monarchen einmischt, wird auf ihn als Günstling des Königs mit dem Finger gezeigt und er muss sich außerdem den Spitznamen „Lolus“ gefallen lassen, der dem jungen Ludwig II. die Exzesse seines Großvaters vor Augen führen soll, der – in seinem Fall – einer weiblichen Künstlerin verfallen war.

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Nachdem Ludwig I. abgedankt hat, besteigt Maximilian, der Vater Ludwig II., früher als gedacht den bayerischen Thron. Maximilian ist in der Erziehung des jungen Ludwig sehr rigide – vielleicht, weil er selbst sehr unter den Freiheiten gelitten hat, die sich sein eigener Vater nahm. Da er seinem Sohn den für einen Monarchen „schlimmsten“ Weg ersparen möchte, unterzieht er ihn einer besonders strengen Disziplin ohne – seinem Verständnis nach – unnütze Beweise von Zuneigung. So muss der künftige König Stunden damit zubringen, im Beisein ungeschickter und häufig besessener Privatlehrer, die auf die ausgeprägte Feinfühligkeit des Jungen keine Rücksicht nehmen, Naturwissenschaften und Literatur zu studieren. Während der Prinz sich bereits damals wenig für Sport, Naturwissenschaften, Technik und Mathematik interessiert, zeigt er eine große Vorliebe für Literatur, Mythologie (eine Gemeinsamkeit mit der Erziehung des jungen Wagner), Religionsgeschichte und Fremdsprachen, insbesondere Französisch.

MVRW HohenschwangauDer zukünftige Monarch gilt als zurückhaltender Einzelgänger mit einem nicht gerade fröhlichen Wesen. Seine Kindheit, während der man ihn bereits die Last seines zukünftigen Amtes deutlich spüren lässt, verbringt er im Palast der Münchner Residenz sowie in den bayerischen Alpen in der Nähe von Füssen auf Schloss Hohenschwangau.

Bei dem Schloss handelte es sich zunächst um eine Ruine, die sein Vater im Jahr 1832 erwarb und die er für sehr viel Geld 1837 im neogotischen Stil restaurieren ließ. Schloss Hohenschwangau, welches mit Lohengrin, dem Schwanenritter, und Tannhäuser einen starken Bezug zur germanischen Sagenwelt hat, wird schon sehr bald zum Lieblingsort Ludwigs, der das Schloss sogar „mein Kindheitsparadies“ nennt.

In dieser – der Romantik und großen Träumen sehr aufgeschlossenen Umgebung – entdeckt er schließlich die Kunst Richard Wagners: Zunächst mit der Zukunftsmusik 1857 die theoretischen Schriften des Komponisten sowie anschließend am 2. Februar 1861 mit Lohengrin seine Opern…

Schon drei Jahre später wird der junge Ludwig im Alter von 18 Jahren zum König von Bayern. Als junger, ausgesprochen schöner, mit seinen 1,90 m hochgewachsener Mann erobert er schon bald die Herzen des bayerischen Volkes. Doch obwohl sich Ludwig II. seinen Verpflichtungen seinem Reich gegenüber durchaus bewusst ist, zieht es sein Herz ganz und gar zu… Richard Wagner.

 

Ludwig II. und Richard Wagner:
Die Geschichte einer Leidenschaft

Bereits kurz nach seiner Thronbesteigung (Ludwig wird mit dem Tod seines Vaters Maximilian am 10. März gekrönt) macht es sich der junge Monarch zur Aufgabe, den Komponisten Richard Wagner, dessen Werk er bewundert und von dessen Problemen er gehört hat, zu retten.

MVRW Franz_Seraph_von_PfistermeisterIn der Tat steht es um den Komponisten zu Anfang des Jahres 1864 sehr schlecht: Wagner ist zur damaligen Zeit in Wien und versucht, die Uraufführung von Tristan und Isolde auf die Beine zu stellen. Er findet jedoch weder Orchester noch Sänger, die seinem Werk gewachsen sind.

Zu den Schwierigkeiten, Künstler für sein Werk zu finden, kommen außerdem – wie bei Wagner so oft – immense finanzielle Probleme. Er versucht, Gläubigern und Polizei zu entkommen und flieht auch vor Pfistermeier, dem Berater Ludwig II., den dieser ausgeschickt hat, um den Komponisten zu finden. Das Versteckspiel zwischen Komponist und verwundertem Minister endet schließlich nach fast einem Monat am 3. Mai 1864 in Stuttgart. Gerade als Richard Wagner einmal mehr dabei ist, die Flucht zu ergreifen, trifft er auf Pfistermeier, der ihm als erstes Geschenk ein Porträt des jungen Monarchen sowie einen Ring mit einem herrlichen Rubin überreicht. Der König möchte Wagner so schnell wie möglich an seinen Hof holen.

Wagner antwortet Ludwig II. sofort mit einem Brief („Teurer, huldvoller König! Diese Tränen himmlischester Rührung sende ich ihnen, um Ihnen zu sagen, daß nun die Wunden der Poesie wie eine göttliche Wirklichkeit in mein armes, liebesbedürftiges Leben getreten sind! Und dieses Leben, sein letztes Dichten und Tönen gehört nun Ihnen, mein gnadenreicher junger König: Verfügen Sie darüber als über Ihr Eigentum! Im höchsten Entzücken, treu und wahr, Ihr Untertan, Richard Wagner. ») und beeilt sich, nach München zu reisen. Das Herumirren des unter einem Mangel an Anerkennung leidenden Komponisten hat endlich ein Ende.

Villa_Pellet-300x216-1Bereits kurz nach der Ankunft von Wagner in München legt Ludwig II. Wert darauf, den Komponisten an seiner Seite zu haben und „beherbergt“ ihn ganz in der Nähe von Schloss Berg in der Villa Pellet am Starnberger See.

Aus seinem Privatvermögen lässt er seinem Schützling anschließend immer größere Mengen an Geld zukommen. Dem jungen Monarchen, welcher wie durch ein Wunder in sein Leben eingetreten ist und der begierig darauf wartet, mehr über den Komponisten zu erfahren, erzählt Wagner von sich und seinen Abenteuern als Künstler.

Er verspricht ihm sogar, sein gesamtes Leben in Form einer Autobiografie niederzuschreiben, welche ihm, dem bayerischen König, gewidmet sein wird: Mein Leben. Daneben natürlich auch Opern, jede Menge Opern, die den Fantasien des Königs Rechnung tragen, und warum nicht sogar… ein Theater?

In der Beziehung zwischen König und Komponist kommt es – wie vom Volk befürchtet – sehr schnell zu einem Machtgefälle. Der charismatische Wagner, welcher über 30 Jahre älter ist als der König, hat keine Schwierigkeiten, seinen Gönner zu beeinflussen, zumal dessen Geist sich zu lange mit Einschränkungen zufriedengeben musste. Aufgrund der Unterstützung durch Ludwig II. ist die Aufführung des Tristan, welche in Wien nicht von statten gehen konnte, nur noch eine kostspielige Frage der Zeit, kommt es doch für ein Werk, dem Kritiker gegenüber sehr viele Vorbehalte geäußert haben, zu insgesamt mehr als 70 Orchesterproben. Für einen anspruchsvollen Monarchen und seinen Schützling ist eben nichts zu viel!

Selbst wenn das Werk als anstößig gilt und die Musik beim Publikum kaum auf sofortigen Gefallen stoßen wird, schlägt die Uraufführung von Tristan und Isolde große Wellen, steht sie doch unter dem Schutz des Königs: Wenn Ludwig II. etwas gefällt, muss sich das Volk, welches ihn sehr bewundert, fast schon anschließen.

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Wagner wiederum will sich nicht mit dem Glück zufriedengeben, das ihn gerade anlacht. Vielmehr gibt er Ludwig II. zu verstehen, dass er von einem eigens für ihn erbauten Theater träumt, in dem seine Werke zur Aufführung kommen können.

Für den Bau eines Festtheaters an den Ufern der Isar (von einem Festspielhaus ist erst später die Rede) benötigt er das Wissen seines langjährigen Freundes und Architekten Gottfried Semper. Der bayerische König wiederum muss zu einem solchen Bau nicht erst überredet werden. Er betrachtet ihn sogar als seinen eigenen Traum. Was den Bau eines solchen Theaters angeht, geben anschließend rund zehn Jahre mal der Mäzen und mal der Komponist den Ton an.

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Richard Wagners Verhalten führt in München zu jeder Menge Klatsch und ganz viel Zündstoff. Das Volk hat es allmählich satt, dass nichts zu schön und zu teuer ist, um das materielle Wohlergehen des Komponisten sicherzustellen, und ist Wagner mit der Zeit immer feindlicher gesinnt, zumal sich dieser mit Cosima, der Ehefrau seines besten Freundes und Orchesterchefs, Hans von Bülow, in aller Öffentlichkeit zeigt.

Mit einem neuen Vertrag vom 18. Oktober 1865 lässt der König Richard Wagner eine schwindelerregende Summe in Höhe von 40 000 Gulden zukommen. Die Finanzkammer des Königreichs soll die Summe Cosima, welche die Geldangelegenheiten des Künstlers regelt, in bar zukommen lassen. Überbracht werden soll die stolze Summe per Fiaker. Lieferadresse: das neue Domizil des Künstlers in der Münchner Briennerstraße. Einmal vor Ort wird jedoch behauptet, man habe nicht genügend Geldscheine, um die ganze Summe übergeben zu können. Wagner regt sich darüber derart auf, dass er sich beim König beschwert.

Für das bayerische Volk wiederum, welches sich bereits ein Jahr vorher darüber echauffiert hat, dass der Komponist es gewagt hat, den König „meinen Jungen“ zu nennen, ist dies zu viel. Ludwig II. bleibt nichts anderes übrig, als auf die Anwesenheit Wagners in München zu verzichten. Gegen seinen eigenen Willen sieht er sich sogar dazu gezwungen, den Komponisten des Landes zu verbannen, so dass Wagner sich einmal mehr ins Exil, genauer in das Schweizerische Tribschen, begeben muss.

 

München-Tribschen-Bayreuth:
Künstlerische Inspiration und Finanzintrige

Une-Tribschen 350 200Selbst wenn Ludwig sich durch den Druck des Volkes und seiner Regierung dazu gezwungen sieht, Richard Wagner des Landes zu verweisen, so bleibt er ihm doch im Herzen nah.

Der Komponist wiederum erholt sich in der Villa in Tribschen, in der er mit Cosima eingezogen ist, welche nach wie vor mit von Bülow verheiratet ist, mehr schlecht als recht, sprüht jedoch vor Tatendrang und künstlerischer Inspiration.

Und auch wenn zwischen Wagner und dem bayerischen Hof – zumindest vorübergehend – eine ziemlich große Entfernung liegt, scheint der Komponist hinsichtlich seiner Position Ludwig II. gegenüber zuversichtlich zu sein. Die Abwesenheit des „Freundes“ Richard Wagner wird dem Herrscher in der Tat ziemlich schnell unerträglich. Richard Wagner, welchem Schwierigkeiten in Hinblick auf zwischenmenschliche Beziehungen nicht unbekannt sind, weiß ganz genau, dass letztlich immer Sehnsucht und unbefriedigte Bedürfnisse die Oberhand gewinnen, sobald es um jegliche (auch platonische) Form von Liebe bzw. Zuneigung geht. So versucht er dann auch, den König von seiner Villa in Tribschen aus, in der er Die Meistersinger von Nürnberg komponiert, zu manipulieren und zu beraten.

Der bayerische Monarch ist vom Komponisten zwar maßlos begeistert, jedoch auch ein kluger Politiker.

Der Pazifist Ludwig II. sah sich nämlich bereits – aufgrund von im Deutschen Bund vereinbarten Bündnispflichten – gewissen Konflikten ausgesetzt. So musste das mit Österreich verbündete Bayern gegen Preußen in den Krieg ziehen, nachdem dieses Österreich angegriffen hatte. Ludwig II. schaffte es dabei jedoch, sich so zu verhalten, dass Bismarck ihm dies nicht nachtrug.

Ludwig_II_and_Sophie_of_Bavaria-228x300-1Zu jener Zeit verlobt sich Ludwig II. auch mit seiner Cousine Sophie-Charlotte von Wittelsbach, Sissis jüngster Schwester und eine junge Frau, deren Schicksal nicht weniger tragisch verläuft als das ihrer restlichen Familie, über der ein regelrechter Fluch zu hängen schien. Sophie-Charlotte war eine gute Musikerin mit einer schönen Singstimme und verehrte Wagner zutiefst.

Als Ludwig II. ihr einen Heiratsantrag macht, hat sie – vor dem Hintergrund der guten Partien, aber auch desaströsen Ehen ihrer Schwestern –  bereits mehrere Bewerber abgelehnt und freut sich sehr. Der sich seiner Neigungen bewusst werdende Ludwig II. verschiebt die Hochzeit jedoch mehrmals, um sie dann endgültig abzusagen.

Während er darüber erleichtert ist, der Ehe entgangen zu sein, erfährt der König, dass Wagner ihn belogen hat. Ludwig II. hatte nämlich dem Komponisten und Ehemann Wagner geglaubt, dass er mit Cosima keine Beziehung unterhalte, und deren Ehre verteidigt, was so weit ging, dass er sogar einen Brief verfasste, indem er jeglichen Klatsch und Tratsch zu diesem Thema untersagte. Als ihm nun klar wird, wie die Situation tatsächlich aussieht, ist er so verärgert, dass die Beziehung zu Wagner abkühlt, ohne aber dass die Zuneigung des Königs für seinen Komponisten ganz verlorengeht.

Ludwig II., welcher sich sehr stark zu Frankreich hingezogen fühlt, versucht, sich immer mehr der Realität zu entziehen. Die Tatsache, dass er sich im Jahr 1870 mit Preußen verbünden muss, ist für ihn sehr schlimm. Der bayerische König ist angeschlagen, ja sogar überflüssig, hat er doch nach der Krönung Kaiser Wilhelms keine politische Macht mehr. Zwar war es Ludwig II. gelungen, die Identität Bayerns zu bewahren, jedoch waren die letzten Jahre für ihn sehr anstrengend gewesen. Der Märchenkönig flüchtet sich daher in die kühnsten und größenwahnsinnigsten Träume. Er lässt Schlösser (Neuschwanstein und auch Linderhof mit der unterirdischen Venusgrotte und der Hundinghütte) bauen, zu denen die Ideen direkt der Wagnerschen Vorstellungswelt entspringen und fügt einen neuen Traum hinzu: den Ring des Nibelungen. Der Komponist wiederum entgegnet ihm, wie er den denn ohne Theater zur Aufführung bringen solle.

MVRW Rheingold 1869Fortan kommt es zu einem Kräftemessen, das in der Geschichte der Kunst einzigartig ist. Beteiligt sind daran der König und Mäzen, der die Aufführungsrechte für die ersten beiden Teile des Rings, also Rheingold und Walküre, gekauft hat, und der Komponist, welcher sich (zumindest offiziell) in seiner Inspiration und Kreativität bremst, um die zwei letzten Teile (Siegfried und Die Götterdämmerung) erst dann fertigzustellen, wenn er sein eigenes Theater hat.

Ein wirklicher Sieger geht aus diesem Kampf natürlich nicht hervor.

Letztlich gewinnen nämlich beide. Ludwig II., dessen Ministerrat sich weigert, die entsprechenden Gelder freizugeben, um in München ein solches Festtheater zu erbauen, ist voller Ungeduld und geht so weit, seinen Schützling dadurch herauszufordern, dass er „seinen“ Ring bzw. zumindest die ersten beiden Teile davon am 22. September 1869 und am 26. Juni 1870 aufführen lässt, während der damit nicht einverstandene Komponist in seinem Exil in Tribschen tobt und die beiden letzten Teile des Rings für Festspiele beenden will, die außerhalb der Münchner Gerichtsbarkeit stattfinden sollen, um sie so der Kontrolle Ludwig II. zu entziehen.

Erbaut wird dieses schließlich in Bayreuth.

 

Bayreuth und der Schwanenflug

MVRW Bayreuth FestspielhausIndem Wagner nach Bayreuth geht, möchte er sich von der Abhängigkeit König Ludwig II. befreien.

Obwohl er Himmel und Hölle in Bewegung setzt, schafft er es jedoch nicht, die Gelder aufzutreiben, die für den Bau seines Festspielhauses nötig sind.

Als Wagner zu Beginn des Jahres 1874 vor der Pleite steht, hilft ihm der bayerische Monarch erneut.

In einem Brief vom 25. Januar 1874 ergreift der König die Initiative und nimmt den Dialog mit seinem Schützling wieder auf: „Nein! Nein und wieder nein! So soll es nicht enden; es muß da geholfen werden! Es darf Unser Plan nicht scheitern!“

Ludwig II. hat sich – entgegen der Meinung seines Rechnungshofes, welcher es abgelehnt hat, Wagner unter die Arme zu greifen, dazu entschieden, die nötigen Geldmittel zur Rettung des sinkenden „Schiffes“ aus seiner eigenen, privaten Kasse zu nehmen. Bei der Uraufführung der vier Teile des Rings treffen sich daher zwei Männer in Bayreuth, die miteinander Frieden geschlossen haben. An diesem großen Fest der Kunst, zu dem sämtliche der gekrönten Häupter Europas eingeladen worden sind, nimmt der bayerische König, welcher sich immer mehr in sich zurückzieht, lediglich inkognito teil. Im Übrigen ist er auch nur bei den Generalproben zwischen dem 6. und 10. August anwesend. Einem Protokoll möchte er sich nämlich auf keinen Fall unterziehen.

MVRW LUDWIG altDie Festspiele von Bayreuth haben jedoch dank des bayerischen Königs endlich das Licht der Welt erblickt. Während Wagner sich anlässlich eines ihm zu Ehren gegebenen Festes in München befindet, lässt der König ihn am 10. November 1880 zu einer nächtlichen Privatvorstellung des Lohengrin im Hoftheater rufen. Mit Ausnahme von Cosima und ihren Töchtern (die Frauen sind für den König nicht zu sehen) befinden sich die beiden Männer allein im Theater.

Zwei Tage später, am 12. November, verlangt der Monarch von Wagner, dass er nur für ihn ein Konzert dirigiert. Er möchte das Vorspiel zu Parsifal hören. Wagner dirigiert mit der gebotenen Religiosität. Als Ludwig II. ihn am Ende dieser privaten Vorführung darum bittet, für ihn auch das Vorspiel zu Lohengrin, der Oper, zu dirigieren, die die beiden Männer ein paar Jahre vorher zusammengeführt hat, versteht Wagner, dass er und der König, welcher bei Vorspiele miteinander vergleichen will, nicht das gleiche Verständnis von Kunst haben. Der Komponist ist verärgert und beleidigt und übergibt an Hermann Levi.

Neuschwanstein-300x248-1Während die Seele Ludwig II. bei den Takten gen Gralsreich emporschwebt, verlässt Wagner das Theater, ohne sich auch nur vom König zu verabschieden. Wiedersehen werden sich die beiden Männer nicht mehr. Das Verhalten Ludwig II. wird im Übrigen immer seltsamer. Er zieht sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück und ist bei der Uraufführung des Parsifal nicht dabei.

Als Ludwig II. im Februar 1883 vom Tod Wagners erfährt, empfindet er einen furchtbaren Schmerz. Er fühlt sich alleingelassen. Auf Schloss Neuschwanstein, wo er nunmehr den größten Teil seiner Zeit verbringt und den Pflichten des Hofs entkommen kann, bedeckt er das Klavier, auf dem der Komponist einst für ihn gespielt hat, mit einem schwarzen Tuch.

Am 12. Juni 1886 wird Ludwig II. von Bayern von seiner eigenen Regierung für nicht regierungsfähig erklärt und verhaftet. Sein Leben muss er von nun an auf Schloss Berg fristen.

Eine sowohl für einen bayerischen Löwen als auch einen Schwan unerträgliche Situation! Am Tag nach seiner Verhaftung bittet der König darum, in Begleitung seines Arztes Bernhard von Gudden einen nächtlichen Spaziergang unternehmen zu dürfen. Die leblosen Körper von Monarch und Arzt findet man wenig später. Ob es während des Spaziergangs zu einem Verbrechen, einem Selbstmord, einem Doppelmord oder aber einem doppelten Selbstmord gekommen ist, ist ungeklärt. Das Geheimnis um den Tod Ludwig II. von Bayern in der Nacht vom 13. Juni 1886 ist bis heute nicht gelüftet.

Den Monarch hat sein Volk verehrt, jedoch nie verstanden, opferte Ludwig II. doch sein Königsein für seinen eigenen Traum, aber auch für den Ruhm der Kunst eines Komponisten, den er sein Leben lang bewunderte.

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NC.

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