RAUM VIStationen und Inspiration

Wagner ist Deutscher, hat einen sehr typischen deutschen Namen und kann dennoch bedenkenlos als der erste europäische Komponist bezeichnet werden. So begab sich der Künstler auf der Suche nach Bekanntheit und Erfolg, welche er innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs nicht finden konnte, schon in sehr jungen Jahren ins Ausland, genauer nach London, Paris, Venedig, Zürich und Sankt Petersburg. Städte, die für ihn nicht nur Orte waren, an denen er lebte, sondern auch Orte, an denen er sich seine künstlerische Inspiration holte und Musik schuf.

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MAGDEBURG

Auf Einladung der Bethmannschen Theatertruppe hat Richard Wagner im Sommer 1834 in Bad Lauchstädt die Funktion eines musikalischen Direktors inne.

Bereits von Anfang an missfällt Wagner in der Stadt so manches, vor allen Dingen aber die Kurgäste mit ihren Wehwehchen und ihrem Kunstgeschmack. Wie Wagner später in einem Brief erklärt, führt auch seine Aversion gegen eine solche Art der kulturellen Zerstreuung dazu, dass er sich später im Hinblick auf den Bau seines Festspielhauses für die Kleinstadt Bayreuth entscheidet, bei der es sich um keinen Kurort handelt.

WEB Minna PlanerZwar lehnt Wagner Bad Lauchstädt und seine Kurgäste ab, doch trifft er dort zum ersten Mal auf Minna Planer. Die junge – gerade einmal 25 Jahre alte – Schauspielerin der Magdeburger Theatertruppe tritt mit einem gewissen Erfolg in Bad Lauchstädt auf.

Als Wagner sich zwischen dem 4. und dem 29. August 1834 aufgrund einer Wundrose bei der Truppe entschuldigt und an einer neuen Symphonie in E-Dur sowie an einem Opernprojekt, dem Liebesverbot, arbeitet, besucht ihn Minna, deren Truppe sich in Rudolfstadt aufhält, regelmäßig. Die junge Frau ist ganz hingerissen von dem jungen Orchesterchef. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen Wagner und Minna eine Liebesbeziehung.

MVRW Magdeburg-TheaterErst im Herbst, genauer am 10. Oktober 1834, beginnt Wagner offiziell als musikalischer Leiter der Truppe des Magdeburger Theaters. Schon in den ersten Monaten nach der Amtsübernahme ist ihm klar, dass die Truppe Schwierigkeiten haben wird, die Spielzeit finanziell zu überstehen. So muss aufgrund fehlender Finanzen ständig gefürchtet werden, dass sie sich auflöst. Wagner glaubt jedoch trotzdem an eine finanzielle Zukunft des Theaters und investiert sogar sein persönliches Hab und Gut, um das selbige zu retten. Außerdem fährt er im Frühjahr 1835 nach Leipzig und hofft, dort als Fürsprecher der Truppe an finanzielle Mittel zu kommen.

Unter jenen schwierigen Bedingungen schreibt Wagner das Libretto und die Musik zum Liebesverbot, einer Oper die an den Stil französischer bzw. italienischer Opern anknüpft und daher dem Geschmack des Publikums jener Zeit entspricht. In der Tat hofft er, die Theatertruppe damit finanziell zu retten. Außerdem möchte er sich natürlich gerne einen gewissen Namen machen, da Die Feen, die erste vollendete Oper des Komponisten in der Tradition von Weber, trotz der Versprechungen, die man ihm in Leipzig gemacht hat, nicht aufgeführt werden.

MVRW LIEBESVERBOT ManuscritIn Mein Leben schreibt der Komponist zum Liebesverbot: „Ich (…) arbeitete nun zu gleicher Zeit an der Gründung meines Ruhms und einer nicht minder lebhaft erwarteten günstigen Gestaltung meiner finanziellen Verhälnisse als ich mit unerhörtem Eifer selbst die wenigen Stunden, die ich neben meinen Geschäften mir an Minnas Seite gönnte, zur Ausarbeitung meiner Partitur verwendete.“

Minna scheint der Beziehung, die sie mit ihrem Verlobten (die Verlobung fand im Januar 1835 statt), der – so gut er kann – um die Zukunft der Truppe kämpft, müde zu werden. Zwischen dem Paar kommt es zu ersten Spannungen, die dazu führen, dass Minna den Komponisten und die Truppe vorübergehend verlässt und zunächst nach Dresden sowie dann nach Berlin zieht, wo sie sich der Truppe des Königstädter Theaters anschließt.

Das Jahr 1835 gleicht für Wagner einem Kraftakt : Von einem Unterstützungskomitee der Magdeburger Bourgeoisie wird Wagner„eine nicht unbedeutende Summe“ versprochen. Von jenem Zeitpunkt an reist Wagner häufig nach Leipzig, Dresden und Bad Kösen sowie anschließend nach Süddeutschland, um neue Sänger zu finden, die Magdeburger Truppe (welche sich im Mai 1835 aufgelöst hatte) wiederaufzubauen und Das Liebesverbot aufzuführen. Er besucht zum ersten Mal Nürnberg und auch Bayreuth.

Als Wagner im Herbst 1835 zurück in Magdeburg ist, versucht er dem Theater der Stadt neues Leben einzuhauchen. Gleichzeitig schreibt er viele leidenschaftliche Briefe, um Minna in die Truppe zurückzuholen. Er befindet sich nunmehr an der Spitze “eines wirklich recht guten Opernpersonales” (Mein Leben), die aus Künstlern besteht, die er während seiner Reisen engagiert hat. Eine Vorgehensweise, die an die erinnert, die der Komponist später anwendet, um die Sänger für seinen ersten Ringzyklus der Festspiele im Jahr 1876 zu finden. Als Orchesterchef und musikalischer Direktor eines Theaters und dessen sorgfältig ausgesuchter Sänger probiert Wagner ein neues Repertoire aus und experimentiert insbesondere bei der Aufführung der Oper Jessonda von Ludwig Spohr (Uraufführung 1823, also ein paar Jahre vorher).

MVRW Liebesverbot PartitionIm Januar 1836 beendet Wagner die Komposition des Liebesverbots und hofft, damit die Truppe und sich selbst zu retten. Minna kehrt zum ersten Mal zu ihm zurück. Die Vorbereitungen zur Aufführung der Oper sind leider mehr als katastrophal. Aufgrund der schlechten finanziellen Situation entstehen Gerüchte über eine erneute Auflösung der Truppe und belasten die Proben.

Am 29. März 1836 wird Das Liebesverbot nach nur zehn Probentagen uraufgeführt. Die fünf Stunden dauernde Uraufführung entpuppt sich als totaler Misserfolg. Die Truppe ist für ein dermaßen langes Werk so schlecht vorbereitet, dass einer der Hauptdarsteller einen Großteil seiner Partitur vergisst. Die zweite Vorstellung, bei der sich nur drei Zuschauer im Publikum befinden, muss aufgrund von Handgreiflichkeiten zwischen dem Tenor und dem Ehemann der Prima Donna abgesagt werden, noch bevor der Vorhang aufgeht.

Nachdem sich die Truppe zum zweiten Mal aufgelöst hat, verlässt Wagner am 18. Mai 1836 Magdeburg voller Bitterkeit über den Misserfolg seiner Oper und die Energie, die er zur Rettung der Truppe investiert hat. In einem Brief an Robert Schumann schreibt er: „Hier giebt es lauter Scheiskerle! Adieu (sic), liebster Schumann!” (Brief vom 19. Mai 1836 an Robert Schumann)

NC.

 

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