RAUM VIStationen und Inspiration

Wagner ist Deutscher, hat einen sehr typischen deutschen Namen und kann dennoch bedenkenlos als der erste europäische Komponist bezeichnet werden. So begab sich der Künstler auf der Suche nach Bekanntheit und Erfolg, welche er innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs nicht finden konnte, schon in sehr jungen Jahren ins Ausland, genauer nach London, Paris, Venedig, Zürich und Sankt Petersburg. Städte, die für ihn nicht nur Orte waren, an denen er lebte, sondern auch Orte, an denen er sich seine künstlerische Inspiration holte und Musik schuf.

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RIGA

Am 21. August 1837 legt Richard Wagner ohne seine Frau in Riga an, um dort die Leitung des Orchesters am Theater der Stadt zu übernehmen. Vor dem Verlassen Berlins unternimmt der Komponist noch einen verzweifelten Versuch, seine Gattin zur Rückkehr nach Hause zu bewegen (in den ersten Jahren ihrer Ehe hatte das Paar bereits einige Beziehungskrisen zu bewältigen…): „Mir wird Riga als angenehmster Aufenhalt in der Welt geschildert, besonders was Geld verdienen betrifft.” (Brief an Minna Planer)

Ob Minna ihre Beziehung mit Dietrich in Dresden wohl aufgrund dieser eher materiellen Argumente beendet? In einem Brief voller Bedauern bittet Minna ihren Mann jedenfalls um Vergebung und trifft am 19. Oktober 1837 mit ihrer Schwester Amelie bei ihm in Riga ein.

Die Stadt, das Theater sowie dessen Organisation wirken auf den Komponisten zunächst sehr positiv:„Nach meinen schlimmen Erfahrungen im Betreff der Eigenschaften der kleineren deutschen Theater wirkte zunächst auf mich die Beschaffenheit der dort neu begründeten Theaterzustände angenehm beruhigend. Eine Anzahl vermögender Theaterfreunde und reicher Kaufleute hatte eine Gesellschaft gegründet, welche aus freien Stücken die nötigen Geldmittel beschaffte, um einer gewünschten guten Theaterdirektion eine solide Grundlage zu geben.” (Mein Leben)

MVRW-RIGA-Opera-plan-salle-300x193Drei Elemente in der Anlage dieses neuerbauten Theaters prägen Wagner nachdrücklich. Elemente, die er für den Bau seines zukünftigen Festspielhauses in Bayreuth im Hinterkopf behält: ein Zuschauerraum in Form eines Amphitheaters, so dass von jedem Platz aus dieselbe Sicht gewährleistet ist; ein Auditorium, das fast völlig verdunkelt werden kann, sowie ein Orchestergraben, der seine Fortsetzung aus Gründen der Platzersparnis unter der Bühne findet (die Orchestergräben der Opernhäuser werden ab dem 19. Jahrhundert so konzipiert).

War Riga also das Vorbild für Bayreuth? Was die Aufteilung und Organisation des Raumes betrifft, sicherlich. Jedoch ganz bestimmt nicht, was die Kapazitäten an Zuschauern und v. a.  die beengten Bühnenverhältnisse anbelangt, welche bestimmte Produktionen nicht zuließen: „das Theater selbst war in einem besonders kleinenRaum eingefercht, auf der winzigen Bühne war ebensowening an die Entwicklung von theatralischem Luxus wie in dem höchst beschränketen Orchesterraume an Unterbrigung reichlicher musikalischer Kräfte zu denken.” (Mein Leben)

Wagners anfängliche Verhältnisse sind eher bescheiden. Er wohnt in einer kalten, vom Stadtzentrum weit entfernten Wohnung in der Kaleju iela : „Den Winter, mit welchem wir in das Jahr 1838 traten, brachten wir noch in einer engen, unfreundlichen Wohnung in der alten Stadt zu” (Mein Leben).

Im Frühling des Jahres 1838 kann das Paar endlich in eine wesentlich komfortablere Unterkunft umziehen, in ein in der Bulvaris Aleksandra Allee gelegenes Holzhaus in Petersburg nämlich.

MVRW-RIENZI-ManuscritInnerhalb eines Zeitraums von zwei Jahren dirigiert und inszeniert Richard Wagner auch teilweise etwa 20 französische, italienische und deutsche Opern, darunter fünf Uraufführungen. Das Ganze mit den Mitteln, die man ihm zur Verfügung stellt. Zwischen zwei Vorstellungen nutzt er die Zeit für Libretto und Musik des Rienzi. Dass sein Werk sich aufgrund der beengten Platzverhältnisse für Riga nicht eignen wird, ist Wagner von vorneherein klar: „So gab es mir nun eine erhebende Beruhigung, den Rienzi auch im Betreff der angewandten Kunstmittel so rücksichtslos reich zu entwerfen, daß schon das Verlangen nach seiner dereinstigen Aufführung mich zum Verlassen der bisher gewohnten kleinern Theaterverhältnisse und zum Aufsuchen neuer Beziehung zu einem großen Theater nötigen mußte.” (Mein Leben)

Wagner schafft es jedoch trotz seiner hervorragenden Arbeit als Orchesterchef nicht, die Theateroberen von sich zu überzeugen. Vielmehr wird ihm recht schnell bewusst, dass sich seinen eigenen künstlerischen Ambitionen und die Erwartungen vor Ort radikal unterscheiden. Vor der berühmte Komponist Richard Wagner, der die Oper reformieren sollte, von Berlin nach Riga, damals eine Provinzstadt inmitten des russischen Reichs, aufbricht, schreibt er seiner Frau Minna: „Mir wird Riga als angenehmste Aufenhalt in der Welt geschildert, besonders was Geld verdienen betrifft.” Aufgrund einiger unbezahlter Rechnungen sowie rechtlicher Schritte gegen ihn bleibt Wagner jedoch nur von 1837 bis 1839 dort. Zwei Jahre, die so produktiv sind, dass man Riga in Lettland „Wagnerstadt“ nennt. Seine Inspiration für den Fliegenden Holländer holt sich Wagner angeblich bei seiner Flucht über das Meer.

Auf den Spuren Richard Wagners im heutigen Riga

MVRW-RIGA-300x257Das Theater auf der Ķēniņa Lielā iela im alten Riga, heutzutage als Vagnera iela bekannt, ist derzeit für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Fassade des Theaters ist noch im Original erhalten, wohingegen das Theaterinnere seit der Zeit Richard Wagners große Veränderungen mitgemacht hat. So ist im Theater nur ein Raum in seinem Originalzustand vorhanden.

Die Wohnung auf der Kaleju iela wurde im Zweiten Weltkrieg während eines Luftangriffs zerstört und das Holzhaus auf dem Bulvaris Aleksandra (jetzt Brīvības iela 33) in Petersburg wurde im Jahr 1911 abgerissen. An Richard Wagners Aufenthalt in Riga erinnert also nicht besonders viel. Selbst wenn das Holzhaus auf dem Bulvaris Aleksandra heutzutage nicht mehr vorhanden ist, lohnt es sich dennoch, an dem Ort vorbeizuschauen, an dem es einmal stand. Nach dem Abriss des Hauses wurde dort ein schwarzer Ziegelsteinbau errichtet. Wenn man durch dessen Haupteingang schaut, sieht man eine Glasmalerei aus dem Jahr 1913, auf der der Komponist mit seiner berühmten Baskenmütze zu sehen ist.

NC.

 

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